Ab März bekommen Steuerzahler höheres Netto! In der Überschrift des Welt-Artikels klang das alles noch ganz gut. Aber schon die Beispielrechnung machte schnell klar, dass hier irgendwas gewaltig an den Realitäten in diesem Land vorbei ging:
Ein verheirateter Arbeitnehmer mit einem Kind und einem monatlichen Einkommen von 5.000 Euro kann sich im März über 58,14 Euro mehr in der Tasche freuen. Wer 10.000 Euro verdient, erhält unterm Strich sogar 85,14 Euro mehr. "Doch die üppige Zahlung gibt es nur im März", warnt Steuerexpertin Spargen.
Jemand, der 10.000 Euro im Monat verdient, der freut sich natürlich einen Wolf, wenn er vom Staat einmalig 85,14 Euro mehr bekommt. Wenn er es überhaupt bemerkt. Aber ich würde nicht so weit gehen und 85,14 Euro "üppig" zu nennen. Und beim wirklichen deutschen Durchschnittsverdienst von ca. 3.300 Euro/Monat (2004) fällt es eben auch entsprechend geringer aus.
Mein Strom/Gas-Lieferant wollte 1.000 Euro als Nachzahlung für das letzte dreiviertel Jahr (inklusive Sommer!), das Gesundheitswesen ist seit der (wievielten?) letzten Reform auch nicht günstiger geworden und auf den Straßen kosten Bußgelder seit acht Wochen raubritterhaft mehr. Habe ich irgendeine verkappte Gebührenerhöhung oder Preissteigerung auf die Schnelle vergessen? Die Frage ist doch also: Wie üppig ist dieses vermeintliche Steuer-Geschenk angesichts dieser Schröpfungen wirklich?
Deutschland ist im Halbfinale und spielt gegen die Türkei. Wissen wir ja seit gestern Abend. Aber ist eigentlich jemandem aufgefallen, dass Ronaldo im Viertelfinale einen Oscar verdient hat? Also eine Schwalbe ist ja eine Sache, aber was er da abgezogen hat, war nur noch lächerlich. Er stolpert über seine eigenen Beine und lässt sich fallen. Dann wartet er bis jemand schaut und fängt an zu jammern. Keine 20 Sekunden später hoppelt er wieder über den Platz, als wäre nix gewesen. Niedlich. Der Typ kann nicht mal geradeaus laufen und will bester Fußball sein? Ja klar. Wer das Schmierentheater verpasst hat, kann es gerne bei YouTube nachholen, sogar mit gelungener Musikuntermalung. Haare schön und Fußball gut kann nur unser Schweini.
Heute wurde in der schönen Kätchenmetropole ein neuer Bürgermeister gewählt*. Als guter verfassungstreuer Bürger dieser demokratischen Republik habe ich es mir natürlich nicht nehmen lassen, wählen zu gehen. Dabei ist mir aufgefallen, dass "Wählen gehen" eines der letzten analogen Vergnügen sind, die noch genau so stattfinden wie vor 20 Jahren. Man braucht lediglich ein Stück Papier (als Wahlzettel), einen Bleistift (einen Bleistift! 2007! Wie geil ist das denn?) und eine Kabine (das Séparée um schön ungestört zu bleiben). Drei Leute helfen einem den Umschlag in eine Blackbox zu stecken und haken einen von einer großen Liste ab. Das ist nostalgischer, als wenn Twix plötzlich wieder Raider hieße und ein vierter Teil "Zurück in die Zukunft" in die Kinos käme.
Aber lange wird diese analoge Idylle wohl nicht mehr dauern. Wahlcomputer werden zwar diskutiert, aber vermutlich wird aus Kostengründen für die nächste Bundestagswahl bereits ein riesiges neues Callcenter in ein strukturschwaches Gebiet wie z.B. Sachsen ausgelagert. Wer schon einmal versucht hat, bei der Bahn-Hotline eine Fahrkarte zu bestellen, kam sich vermutlich ziemlich dämlich vor, mit einem Computer zu sprechen. Aber folgender Dialog wäre dann wohl bald nicht mehr so utopisch...
*Im Übrigen hat der Böse gewonnen. Der, der unserer Stadt ein häßliches neues Einkaufszentrum (vermutlich mit weiteren 1-Euro-Läden) eingebrockt hat, obwohl ringsum Ladenflächen leerstehen. Die Wahlbeteiligung von 31% dürfte ihr Übriges dazu beigetragen haben. Ich befürchte bei gutem Sommerwetter findet hierzulande einfach keine Demokratie statt. Da sind die Wähler lieber am Baggersee...
Höre ich:Shirley Horn "Here's to life" Der perfekte Jazz-Soundtrack für den Spätsommer in Zeitlupe. Shirley Horn hat keine Eile. Perfekt um nachmittags den Blättern beim Fallen zuzuschauen oder des nachts durch Städte zu fahren.
Your Senf